Leseprobe
FAYBOURNE - Erwachen

Kapitel 1


Faybourne wirkte im Morgenlicht wie ein Ort aus einer anderen Zeit, zu ruhig, zu ordentlich, fast künstlich in seiner Beschaulichkeit. Der Dunst hing noch schwer über den Wiesen, als Jacob Mills mit dem Wagen durch die schmalen Straßen fuhr. Links das kleine Café, das jeden Tag pünktlich um acht öffnete. Rechts die Apotheke mit dem verblassten Schild. Nichts hatte sich verändert. Und doch fühlte sich alles fremd an.
Es war sein dritter Tag zurück im Dienst. Offiziell. Inoffiziell war er nie wirklich raus gewesen. Nicht nach dem, was sie erlebt hatten. Nicht nach den Schrecken, die Lefay und ihr Schatten über Faybourne gebracht hatten. Sie, jenes uralte Wesen, das einst als Emilia Lefay bekannt war und fast die Welt in den Abgrund gerissen hätte. Und der Schatten, eine hungrige Präsenz, die sich von den Seelen ihrer Opfer nährte und durch ein fatales Ritual freigesetzt worden war.

Er war allein im Wagen. Hart hatte sich nicht gemeldet. Nicht wirklich. Er war »beschäftigt«, hieß es. Aber Mills wusste, dass Hart nicht loslassen konnte. Nicht vom Fall. Nicht von dem, was sie gesehen hatten. Die Schatten hingen immer noch in der Luft, auch wenn keiner mehr darüber sprach.
Mills bog in die Churchill Lane ein, vorbei am kleinen Spielplatz, auf dem zwei Kinder mit ihren Fahrrädern im Kreis fuhren. Er dachte an Isabel.
Noch immer im Koma.
Noch immer keine Antwort.
Isabel, von ihrer eigenen Familie verstoßen, vom Schatten gezeichnet und doch die Einzige, die Lefay aufhalten wollte. Nur um selbst zu einem ihrer letzten Opfer zu werden. Ein Teil ihrer Seele war noch immer an Lefays Gefängnis gekettet. Manchmal fragte er sich, ob es ihr dort, wo sie jetzt war, vielleicht besser ging. Nicht hier, nicht in Faybourne, wo die Dinge nur oberflächlich zur Ruhe gekommen waren.
Er parkte vor dem Revier. Der Tag hatte gerade erst begonnen und fühlte sich bereits schwer an.
Im Inneren des Reviers war es stiller als gewöhnlich. Mills ging den Gang entlang, vorbei an der Tafel mit den aktuellen Einsätzen. Nichts, was ungewöhnlich aussah. Ein verschwundener Hund, ein Einbruch ohne Spuren, zwei Jugendliche beim Sprayen erwischt. Alltag. Normalität. Und doch …
Reynolds’ Tür stand offen. Mills warf einen Blick hinein, sah den Captain am Schreibtisch sitzen, die Brille auf die Stirn geschoben. Er notierte etwas auf einem Formular, hob nicht einmal den Kopf, als Mills vorbeiging. Gut so.
Er betrat den Gemeinschaftsraum, stellte seine Kaffeemaschine an, die ein missmutiges Brummen von sich gab, und warf einen Blick auf den Stapel Berichte neben der Spüle. Kein Name darauf, aber die Handschrift war eindeutig. Hart.
»Er war vor dir da«, sagte eine Stimme hinter ihm. Sergeant Nora Denham lehnte im Türrahmen, eine Akte unter dem Arm. »Hat sich einen Vorgang geschnappt und ist losgezogen. Allein. Mal wieder.«
»Was für ein Fall?«, fragte Mills. Sein Puls beschleunigte sich unwillkürlich.
Denham zuckte mit den Schultern. »Irgendein alter Fall. Cold Case. Ich glaube, er hat sich einen Bericht von ’86 geben lassen.«
Mills blinzelte. »1986?«
»Mhm. Sagt dir das was?«
»Mehr, als mir lieb ist«, murmelte Mills und nahm seinen Kaffee.
Er spürte ein vertrautes Ziehen in der Magengegend. 1986 war das Jahr des Rituals. Das Jahr, in dem alles begann, in dem das uralte Brettspiel eine Rolle spielte und in dem er selbst durch ein Blutopfer die Fähigkeit erlangte, die Schattenseite wahrzunehmen, ob sie es damals wussten oder nicht.
»Und sonst?«, fragte Denham beiläufig, doch ihr Blick war aufmerksam. »Du wirkst, als wärst du noch nicht ganz zurück.«
Mills zwang sich zu einem Lächeln. »War ich je da?«
Denham schüttelte nur den Kopf, dann verschwand sie mit ihren Unterlagen. Mills blieb allein zurück. Nur der Kaffee verströmte einen Geruch, der an Wärme erinnerte. Alles andere roch nach Vergangenheit. Und die klopfte gerade wieder an die Tür.

Während Mills im Revier an seiner Kaffeetasse festhielt, hatte Hart längst einen anderen Weg eingeschlagen. Er war nach Hause gefahren und durchstöberte die Fallakte. Er erhoffte sich hier mehr Ruhe. Er wollte jetzt einfach niemanden sehen.
Das Klopfen kam von der Haustür. Es war leise, beinahe zögerlich. Kein eiliges Hämmern, kein forderndes Pochen, eher ein Versuch, gehört zu werden, ohne zu stören. Hart hob den Blick von der vergilbten Akte auf seinem Schoß. Für einen Moment war nur das Ticken der Wanduhr zu hören, das leise Knacken der Holzbohlen unter seinen Füßen. Dann klopfte es erneut, diesmal etwas bestimmter.
Er legte die Akte auf den Beistelltisch, stand auf und ging zur Tür. In Faybourne klopfte niemand früh am Morgen, nicht ohne triftigen Grund. Und dieser Ort, ein altes Cottage am Waldrand, abgelegen und in die Jahre gekommen, bekam selten Besuch.

Als er öffnete, stand ein Junge auf der Schwelle, blass, kaum älter als zwölf, verborgen unter einer Kapuze, die ihm bis über die Stirn fiel. Schlamm klebte an seinen Schuhen. Seine Augen weiteten sich leicht, als sie auf Hart trafen.
»Sind Sie Inspektor Hart?«
»Wer will das wissen?«, entgegnete er.
Der Junge zog etwas aus der Tasche. Ein Umschlag, vergilbt, abgegriffen. Auf der Vorderseite stand nur ein Name, in sorgfältiger Handschrift geschrieben: »Hart.«
Langsam nahm er ihn entgegen. Kein Absender. Kein Siegel. Nur das vertraute Gewicht eines Briefes, der zu lange unterwegs gewesen war.
Hart zog die Tür zu, drehte den Schlüssel zweimal im Schloss und ließ sich wieder in seinen abgewetzten Sessel fallen. Der Umschlag in seiner Hand fühlte sich schwerer an, als er eigentlich sein konnte. Etwas hatte sich darin eingenistet. Nicht nur Worte trug er in sich, sondern Absichten.
Er zog den Brief mit zwei Fingern heraus, achtete darauf, das Papier nicht zu beschädigen. Es war alt. Nicht einfach alt wie aus einem Büroarchiv. Es hatte diese spröde, fast rissige Konsistenz von Dingen, die man normalerweise nur in Antiquariaten oder verlassenen Villen fand. Die Tinte war verblasst, aber deutlich lesbar.

Sie haben es gesehen, nicht wahr? Den Nebel. Die Schatten. Die Zeichen, die niemand sonst versteht.
Fall 412 war kein Einzelfall.
Die Zeit wird knapp.
Finden Sie den Ort, an dem alles begann.
Dort, wo sie wartete. Dort, wo sie vergessen wurde.
Sie kennen seinen Namen.
Sie kennen ihren.
Die andere Seite sieht bereits zu.

Darunter kein Name. Nur ein Symbol, eine stilisierte Spirale, eingeritzt in das untere Ende des Papiers. Hart starrte sie an, bis sich die Linien zu bewegen schienen.
Ein kalter Hauch zog durchs Zimmer, obwohl alle Fenster geschlossen waren.
Dort, wo sie wartete. Dort, wo sie vergessen wurde. Er wusste, wer gemeint war. Und er war sich bewusst, dass er die Vergangenheit nicht länger ignorieren konnte.

Jacob Mills saß am Küchentisch im Revier und starrte auf die leere Seite in seinem Notizblock. Die Tasse Kaffee in seiner Hand war längst kalt. Er hatte nicht bemerkt, wie viel Zeit vergangen war. Oder besser gesagt: Er hatte versucht, sie zu vergessen.
Seit jener Nacht auf dem Friedhof war nichts mehr, wie es war. Die Wunden waren verheilt. Äußerlich zumindest. Doch irgendetwas war mit ihm geschehen. Es war, als hätte er die Tür zu einer anderen Welt geöffnet, und etwas hatte zurückgeschaut. Seitdem sah er Dinge, die Außenstehende nicht sehen konnten. Bewegungen am Rand seines Blickfelds. Schatten, die nicht zum Licht passten. Und manchmal, wenn er alleine war, flüsterte es.
Er schüttelte den Kopf, zwang sich zur Konzentration. Vor ihm lag ein dünner Ordner mit dem Vermerk:
»Ungewöhnlicher Vorfall: Morganas Way«
Eine Nachbarin hatte einen Mann im Garten gesehen. Barfuß, in einem alten Mantel. Er habe gesprochen, aber nicht mit ihr. Sondern mit einer Figur aus Stein.
»Nichts«, murmelte Mills. »Vielleicht ein Spinner. Vielleicht auch nicht.«
Er blätterte weiter, ohne Hoffnung, dass sich irgendetwas Nützliches finden ließ. Doch dann blieb sein Blick an einem Namen hängen: Isabel Garcia.
Er hielt inne. Isabel war offiziell im Koma. Aber jemand hatte behauptet, sie gestern gesehen zu haben, im Park, alleine, ohne Begleitung. Das konnte nicht stimmen. Oder?
Mills griff zum Handy. Er tippte den Satz langsam, Buchstabe für Buchstabe, so wie man es auf diesen Geräten tun musste. Oben stand der Name. Hart.
»Was, wenn sie noch lebt? Wenn sie nie im Koma war?«
Er schickte sie nicht ab. Er löschte sie wieder, Zeichen für Zeichen, bis das Display leer war.
Noch nicht. Nicht jetzt.
Er erhob sich, zog sich die Jacke über und nahm den Ordner vom Tisch. Morganas Way war nicht weit. Aber manchmal liegt das Grauen gleich um die Ecke und wartet nur darauf, dass jemand es ansieht.
Morganas Way. Später Nachmittag.
Mills hatte den Wagen am Rand der schmalen Straße geparkt, direkt vor einem leicht verwitterten Gartentor. Der Regen der letzten Nacht lag noch in der Luft, und der Asphalt glänzte feucht unter seinen Schuhen, als er ausstieg. Morganas Way war eine jener Straßen in Faybourne, die man übersieht, wenn man nicht genau weiß, dass es sie gibt. Zu schmal, zu still, zu alt.
Die Häuser hier stammten sichtbar aus einer früheren Epoche. Verputz, der sich in Fetzen von den Fassaden löste. Bäume, deren Äste wie knochige Finger über die Dächer griffen. Und dazwischen die eigenwillige Ordnung jener, die schon immer hier gewohnt hatten.
Er ging auf Hausnummer 9 zu. Eine schiefe Haustür, davor ein Garten voller Wildwuchs. Darin thronte, kaum sichtbar zwischen Farnen und feuchten Steinen, die Statue, von der die Rede gewesen war. Eine Gestalt aus Moos und Rissen, kaum größer als ein Kind. Und doch schien sie Mills im Vorbeigehen zu beobachten.
Er drückte auf die Klingel. Nichts. Kein Summen, kein Schritt hinter der Tür. Er drückte ein zweites Mal und hörte nur, wie irgendwo im Haus ein Draht ins Leere lief.
Die Scheiben waren blind. Auf der Innenseite lag Staub, dick genug, um die Vorhänge dahinter zu verschlucken.
»Da ist keiner.«
Mills drehte sich um. Eine Frau stand am Nachbarzaun, den Mantel über dem Nachthemd, eine Zigarette zwischen den Fingern. Sie war es, die angerufen hatte. Er wusste es, bevor sie es sagte.
»Seit wann?«
»Ein halbes Jahr.« Sie zog an der Zigarette. »Man hat ihn geholt. Nachts. Er stand da drüben und hat geredet.«
»Mit wem?«
Die Frau sah zu der Statue. Sie sagte nichts.
Mills folgte ihrem Blick. Das Moos auf dem Stein war feucht und dunkel. Der Regen, dachte er. Nur der Regen.
»Und gestern?«
»Gestern habe ich ihn wieder gehört.« Sie drückte die Zigarette am Zaunpfahl aus. »Das ist es ja.«
Mills notierte den Namen. Bernard Holloway. Dann fragte er, wohin man ihn gebracht hatte, und die Frau nannte ihm einen Ort, den er kannte.

Die Forest Fay Klinik lag zwanzig Minuten außerhalb, hinter einer Allee, die zu lange nicht geschnitten worden war. Mills war schon einmal hier gewesen. Damals hatte er einen anderen Namen am Empfang genannt.
Man führte ihn in einen Raum mit vergitterten Fenstern und zwei Stühlen. Der Boden war blank poliert, wie überall in diesem Haus. Das Licht kam von der Decke und ließ keine Schatten zu. Vielleicht war das der Punkt.
Der Mann, den man wenig später hereinführte, war Mitte sechzig, hager, mit eingefallenen Wangen und einem nervösen Zucken in der rechten Hand. Er trug keinen Mantel mehr. Nur den Kittel des Hauses, an den Ärmeln ausgefranst.
Er setzte sich, bevor der Pfleger es ihm sagte.
»Sie sind von der Polizei, nicht wahr?«
»Inspektor Mills.«
Holloway nickte, als hätte er den Namen erwartet.
»Ich muss mit jemandem sprechen, der zuhört. Nicht lacht. Und der weiß, was dort draußen lauert.«
Mills verschränkte die Arme. »Und was führt Sie hierher?«
Holloway lächelte. Es war kein gutes Lächeln. »Diese Frage habe ich mir ein halbes Jahr lang gestellt.«
»Fangen Sie einfach an.«
»Ich habe mit einer Statue gesprochen. Einer alten Steinfigur in meinem Garten. Sie war tot. Seit Jahren. Und dann redete sie mit mir.«
»Ihr Garten in Morganas Way.«
»Er ist noch immer meiner.« Holloway beugte sich über den Tisch, so weit die Kette am Stuhlbein es zuließ. »Und heute Nacht hat sie geschrien.«
Mills blinzelte. »Die Statue hat geschrien.«
»Ja. Kein Laut, wie Sie oder ich ihn machen würden. Es war wie reißendes Metall. Und er kam aus ihr heraus, Mills. Genau in dem Moment, als ich sie fragte, ob sie mir sagen könne, was im Tempel geschehen ist.«
Mills sah ihn an. »Sie waren die ganze Nacht hier.«
»Ja«, sagte Holloway. »Das macht es nicht besser, oder?«
Mills’ Blick wurde schärfer. »Sie haben mit einer Figur über den Tempel gesprochen?«
»Ich weiß, wie es klingt«, sagte Holloway hastig. »Aber glauben Sie mir, das war kein Hirngespinst. Seit Tagen habe ich das Gefühl, dass sich etwas zusammenzieht. In der Luft. In der Erde. Und dieser Schrei, ich glaube, das war eine Warnung. Oder eine Antwort.«
Mills schwieg. Dann griff er zum Hörer.
»Hart. Du musst sofort herkommen. Ich glaube, wir haben Besuch.«

✦✦✦
Es beginnt nie mit einem Schrei.
Es beginnt mit einer Ahnung.
Ein leiser Riss im Verstand.
Ein Blick zu lang auf etwas, das sich nicht bewegt und doch zurückblickt.

Mills hört zu. »Noch.«
Hart sucht. Schon wieder.
Und Holloway?

Man sollte nie unterschätzen, wer zuerst schreit.

Hochachtungsvoll, E.