Leseprobe

Leseprobe

Kapitel 1


Die Schatten rufen

Faybourne, England – 1996

Der Wind kam aus dem Moor. Schwer und feucht zog er durch die engen Straßen, tastete sich an den Fassaden entlang und kroch über das Kopfsteinpflaster. Die Lichter der wenigen Laternen, die noch funktionierten, warfen lange Schatten. Es war eine jener Nächte, in denen Faybourne sich älter anfühlte, als es sein sollte. Nicht nur eine kleine, abgelegene Stadt, sondern ein vergessener Ort, an dem die Zeit anders floss. Langsamer. Schwerer. Vielleicht auch falsch.
Es gab Orte in Faybourne, die niemand mehr besuchte. Orte, über die nur noch geflüstert wurde, meist spät in der Nacht, wenn das Bier in den Pubs warm war und die Stimmen gedämpfter wurden. Nicht aus Rücksicht, sondern weil manche Geschichten es nicht mochten, laut ausgesprochen zu werden.
Der Tempel am Waldrand. Ein Bauwerk ohne Namen, über das die Alten sagten, er sei nicht wirklich leer.
Die alten Grundmauern einer Kapelle auf dem verfallenen Fabrikgelände, in denen sich Wasser sammelte, als wolle die Stadt ihre eigene Vergangenheit ertränken. Die Kapelle stand da wie ein ausgebrannter Kadaver, ein Skelett aus bröckelndem Stein. Seit zehn Jahren hatte niemand mehr ihren Altar betreten. Die Wände, einst mit Gebeten geweiht, trugen nun nur noch Stille und Zeichen, die tief in den Stein geritzt waren. Worte, deren Bedeutung längst verloren gegangen war.
Aber heute Nacht war Faybourne wach. Eine Gestalt glitt durch die Straßen, lautlos, wie ein Schatten, der sich aus der Dunkelheit löste. Sie wusste, dass sie nahe war. Ihr Herz schlug ruhig, gleichmäßig. Das Spiel hatte begonnen. Die Nacht lag über der Stadt. Schwer. Kalt. Still. Etwas daran war lebendig, aber nicht auf eine Weise, die man sehen konnte. Die Dunkelheit hielt den Atem an. Wartete. Und dann bewegte sie sich. Langsam. Präzise.
»Mein Little Ember.«
So nannte Isabel ihre Opfer. Ein Name, der das Unvermeidliche harmloser erscheinen ließ. Als wäre es nicht das Ende, sondern nur ein kurzes Flackern, das verging. Ein leiser Trost. Vielleicht nicht für sie, sondern für den letzten Teil von ihr, der noch fühlen konnte. Dichter Nebel kroch durch die engen Gassen, schwer und zäh. Er strich über bröckelnde Fassaden, legte sich in die Risse der Stadt und umschlang kaputte Straßenlaternen, als würde er etwas bewahren, das sich hier Nacht für Nacht wiederholte. In der Ferne bellte ein Hund. Kein warnendes Kläffen, sondern ein gebrochenes Geräusch. Der Laut eines Wesens, das wusste, dass niemand kommen würde.
Isabel stand am Rand der Dunkelheit, den Mantel eng um sich geschlungen, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Ihr Atem stieg in kleinen weißen Wölkchen auf. Ihre Stiefel gruben sich in das feuchte Kopfsteinpflaster, ein leises Geräusch, das in der Stille deutlicher wirkte, als es sein sollte.
Sie bewegte sich nicht. Noch nicht. Es war wie ein Ritual. Erst warten. Erst fühlen. Erst lauschen. »Es ist wieder so weit«, dachte sie. »Sie rufen mich.« Die Stimmen waren immer da gewesen. Leise, am Rand ihres Bewusstseins. Manchmal so schwach, dass sie sich einbilden konnte, sie wären verschwunden. Aber das war eine Lüge. Eine von vielen, die sie sich erzählte.
Heute waren sie klarer. Näher. Dringlicher. Sie sagten ihr, wohin sie gehen musste. Und sie gehorchte. Ein Hauch eines Lächelns glitt über ihr Gesicht, flüchtig wie der Nebel um sie herum. Es war kein Lächeln der Freude. Eher eine Erinnerung daran.
Die Straße vor ihr lag still. In ihrem Kopf nicht. Die Schatten waren immer da. Nicht nur um sie herum, sondern in ihr. Sie flüsterten. Sie drängten. Sie führten.
»Das bist du, Isabel. Das warst du immer.«
Das Messer in ihrer Manteltasche war kalt und vertraut. Eine stumme Konstante. Kein Trost, keine Wärme. Nur das Versprechen von etwas Endgültigem. »Ich wollte das nicht.« Die Worte tauchten auf, wie sie es immer taten. Und verloren sofort ihre Bedeutung. Vielleicht hatten sie einmal etwas bedeutet. Vielleicht hatte es eine Zeit gegeben, in der sie geglaubt hatte, eine Wahl zu haben. Diese Zeit war vorbei.
Sie hatte längst aufgehört, darüber nachzudenken. Irgendwann spielte es keine Rolle mehr. Irgendwann wurde das Schweigen im Kopf einfacher als jede Frage.
Bilder tauchten auf. Und verschwanden wieder. Ein kleiner Laden an der Ecke.
Der Duft von frischem Brot. Das Lachen von Menschen, die sie beim Namen kannten. Und sie.
»Sweetheart.«
Das Wort blieb. Alles andere verblasste. Vielleicht war sie nie diese Person gewesen. Vielleicht hatte der Schatten schon immer in ihr geschlummert, tief vergraben, wartend. Isabel schloss kurz die Augen. Als sie sie wieder öffnete, waren die Stimmen klar. Und sie wusste, wohin sie gehen musste. Emilia rannte. Ihr Atem kam stoßweise, scharf und brennend, während sie versuchte, den Schmerz in ihren Lungen zu ignorieren. Die Nacht war zu still. Nur das Klackern ihrer Absätze auf dem Kopfsteinpflaster und das unheimliche Echo, das sie nicht abschütteln konnte, begleiteten sie. Jede Ecke der Stadt schien gegen sie zu sein, die Gassen enger, der Nebel dichter, als würde er sie vor sich hertreiben.
»Das ist nicht real. Das kann nicht sein.« Sie hatte es sich immer wieder eingeredet. Es änderte nichts. Die Schritte hinter ihr waren da. Nicht laut. Aber nah. Der Schatten bewegte sich lautlos durch die Dunkelheit, ohne Form, ohne Gesicht, und doch war er da. Die Angst kroch tiefer, setzte sich fest. »Wer ist da?« Ihre Stimme riss, hallte zurück, verzerrt. Emilia drehte sich um, suchte verzweifelt, doch da war nichts. Nur Nebel. Nur Dunkelheit. Mehr nicht.
Sie stolperte, fing sich mit den Händen ab und spürte sofort die Kälte des Bodens, die durch ihre Handflächen schnitt. Ein leises Wimmern entkam ihr, mehr aus Verzweiflung als aus Schmerz. Sie wollte aufstehen, weiterlaufen, doch ihre Beine gehorchten ihr nicht.
»Das ist ein Albtraum.« Ihre Finger krallten sich in den Stoff ihrer Tasche, als könnte sie sich daran festhalten. Ein Telefon, das stumm blieb. Ein Schlüssel, der nirgendwo passte. Kein Ausgang.
Ein Geräusch. Leise. Metallisch. Als würde eine Klinge über Stein gleiten. Emilias Herz setzte für einen Schlag aus, bevor es raste. Sie fuhr herum. Diesmal wusste sie es. Da war jemand. »Bitte… bitte! Ich habe nichts getan!« Ihre Stimme war ein heiseres Flehen, das an der Dunkelheit zerbrach. Keine Antwort. Keine Bewegung. Nur die Stille, die sich schwer auf alles legte. Dann regte sich etwas im Nebel. Eine Gestalt trat hervor. Langsam. Sicher. Ohne Eile. Die Kapuze verbarg das Gesicht, doch die Haltung ließ keinen Zweifel. Ruhig. Berechnend. Unaufhaltsam. Emilia wich zurück. Ein Schritt. Noch einer. Dann die Wand. Kaltes Mauerwerk drückte sich gegen ihren Rücken. »Bleib weg!« Der Befehl blieb wirkungslos. Ihre Stimme zitterte, verlor sich im Raum zwischen ihnen. Die Gestalt kam näher. »Es ist nicht persönlich«, sagte eine ruhige, beinahe sanfte Stimme. »Aber die Dunkelheit verlangt es.«
Emilia presste die Hände gegen die Wand, suchte Halt, fand keinen. Ihr Körper gehorchte ihr kaum noch. Die Kälte, die von dieser Person ausging, lag wie ein unsichtbarer Griff um ihre Kehle.
Isabel ließ sich Zeit. Ihr Blick ruhte auf Emilia. Die Angst in ihren Augen war vertraut. Klar. Echt. Genau dieser Moment. Nicht die Jagd. Nicht der Weg. Nur die Erkenntnis. Isabel zog das Messer. Die Klinge fing für einen Augenblick das schwache Licht. Sie trat näher. Emilia konnte sich nicht mehr bewegen. Ihr Blick suchte verzweifelt nach einem Ausweg. Fand keinen. Stattdessen kamen Bilder.
Ihre Wohnung. Das blaue Sofa. Ein Lachen. »Sweetheart.« Die Erinnerung traf sie unerwartet hart. Emilia biss sich auf die Lippe, bis sie Blut schmeckte. Sie wollte nicht weinen. Nicht jetzt. »Ich will zurück.« Der Gedanke war leise. Zerbrechlich.
Und sinnlos. Das Messer hob sich. Isabel war jetzt ganz nah. Ihre Hand griff nach Emilias Schulter. Fest. Unnachgiebig. Emilia schrie auf, doch der Nebel verschlang den Laut. Ihre Hände schlugen ins Leere, ihre Füße strampelten, suchten Halt, fanden nichts. Isabels Griff blieb. Unverändert. Kalt. Emilias Atem brach. Ihre Sicht verschwamm. Die Dunkelheit schloss sich enger um sie, drückte sich in ihre Gedanken, in ihren Körper, in alles, was noch von ihr übrig war. »Wieso…«, formte sich ein letzter Gedanke. »Warum ich?« Keine Antwort. Nur die Gewissheit.
Es ist vorbei.