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Kapitel 1
Please, set me free once more,
before I disappear evermore. Lennisterium, 1987
Die Schatten rufen
Faybourne, England, 1996
Der Wind kam aus dem Moor. Schwer und feucht zog er durch die
engen Straßen, tastete sich an den Fassaden entlang und kroch
über das Kopfsteinpflaster. Die Lichter der wenigen Laternen,
die noch funktionierten, warfen lange Schatten. Es war eine
jener Nächte, in denen Faybourne sich älter anfühlte, als es
sein sollte.
Nicht nur eine kleine, abgelegene Stadt, sondern ein
vergessener Ort, an dem die Zeit anders floss. Langsamer.
Schwerer. Vielleicht auch falsch.
Es gab Orte in Faybourne, die niemand mehr besuchte. Orte, über
die nur noch geflüstert wurde, meist spät in der Nacht, wenn
das Bier in den Pubs warm war und die Stimmen gedämpfter
wurden. Nicht aus Rücksicht, sondern weil manche Geschichten es
nicht mochten, laut ausgesprochen zu werden.
Der Tempel am Waldrand. Ein Bauwerk ohne Namen, über das die
Alten sagten, es sei nicht wirklich leer.
Die alten Mauern einer Kapelle auf dem verfallenen
Fabrikgelände, in denen sich Wasser sammelte, als wolle die
Stadt ihre eigene Vergangenheit ertränken. Die Kapelle stand da
wie ein Skelett aus bröckelndem Stein. Seit zehn Jahren war
niemand mehr vor ihren Altar getreten. Die Wände, einst mit
Gebeten geweiht, trugen nun nur noch Stille und Zeichen, die
tief in den Stein geritzt waren. Worte, deren Bedeutung längst
verloren gegangen war.
Aber heute Nacht war Faybourne wach. Eine Gestalt glitt durch
die Straßen, lautlos, wie ein Schatten, der sich aus der
Dunkelheit löste. Sie wusste, dass es nicht mehr weit war. Ihr
Herz schlug ruhig, gleichmäßig. Das Spiel hatte begonnen.
Die Nacht lag über der Stadt. Schwer. Kalt. Still. Etwas daran
war lebendig, aber nicht auf eine Weise, die man sehen konnte.
Die Dunkelheit hielt den Atem an. Wartete. Dann bewegte sich
die Gestalt. Langsam. Präzise.
»Mein Little Ember.«
So nannte Isabel ihre Opfer. Ein Name, der das Unvermeidliche
harmloser erscheinen ließ. Als wäre es nicht das Ende, sondern
nur ein kurzes Flackern, das verging. Ein leiser Trost.
Vielleicht nicht für sie, sondern für den letzten Teil von ihr,
der noch fühlen konnte.
Dichter Nebel kroch durch die engen Gassen, schwer und zäh. Er
strich über bröckelnde Fassaden, legte sich in die Risse der
Stadt und umschlang kaputte Straßenlaternen, als würde er etwas
bewahren, das sich hier Nacht für Nacht wiederholte. In der
Ferne bellte ein Hund. Kein warnendes Kläffen, sondern ein
gebrochenes Geräusch. Der Laut eines Wesens, das wusste, dass
niemand kommen würde.
Isabel stand am Rand der Dunkelheit, den Mantel eng um sich
geschlungen, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Ihr Atem
stieg in kleinen weißen Wölkchen auf. Ihre Stiefel gruben sich
in das feuchte Kopfsteinpflaster, ein leises Geräusch, das die
Stille nicht schluckte.
Sie bewegte sich nicht. Noch nicht. Es war wie ein Ritual. Erst
warten. Erst fühlen. Erst lauschen.
»Es ist wieder so weit«, dachte sie. »Sie rufen mich.«
Die Stimmen waren immer da gewesen. Leise, am Rand ihres
Bewusstseins. Manchmal so schwach, dass sie sich einbilden
konnte, sie wären verschwunden. Aber das war eine Lüge. Eine
von vielen, die sie sich erzählte.
Heute waren sie klarer. Näher. Dringlicher. Sie sagten ihr,
wohin sie gehen musste. Und sie gehorchte. Ein Hauch eines
Lächelns glitt über ihr Gesicht, flüchtig wie der Nebel um sie
herum. Es war kein Lächeln der Freude. Eher eine Erinnerung
daran.
Die Straße vor ihr lag still. In ihrem Kopf nicht. Die Schatten
wichen nie. Nicht nur um sie herum, sondern in ihr. Sie
flüsterten. Sie drängten. Sie führten.
»Das bist du, Isabel. Das warst du immer.«
Das Messer in ihrer Manteltasche war kalt und vertraut. Eine
stumme Konstante. Kein Trost, keine Wärme. Nur das Versprechen
von etwas Endgültigem.
»Ich wollte das nicht.«
Die Worte tauchten auf, wie sie es immer taten. Und verloren
sofort ihre Bedeutung. Vielleicht hatten sie einmal etwas
bedeutet. Vielleicht hatte es eine Zeit gegeben, in der sie
geglaubt hatte, eine Wahl zu haben. Diese Zeit war
vorbei.
Sie hatte längst aufgehört, darüber nachzudenken. Irgendwann
spielte es keine Rolle mehr. Irgendwann wurde das Schweigen im
Kopf einfacher als jede Frage.
Bilder tauchten auf. Und verschwanden wieder. Ein kleiner Laden
an der Ecke. Der Duft von frischem Brot. Das Lachen von
Menschen, die sie beim Namen kannten. Und sie.
»Sweetheart.«
Das Wort blieb. Alles andere verblasste.
Vielleicht war sie nie diese Person gewesen. Vielleicht hatte
der Schatten schon immer in ihr geschlummert, tief vergraben,
wartend.
Isabel schloss kurz die Augen. Als sie sie wieder öffnete,
waren die Stimmen klar. Und sie wusste, wohin sie gehen
musste.
⁂
Emilia rannte. Ihr Atem kam stoßweise, scharf und brennend,
während sie versuchte, den Schmerz in ihren Lungen zu
ignorieren. Die Nacht war zu still. Nur das Klackern ihrer
Absätze auf dem nassen Stein und das unheimliche Echo, das sie
nicht abschütteln konnte, begleiteten sie. Jede Ecke der Stadt
schien gegen sie zu sein, die Gassen enger, der Nebel dichter,
als würde er sie vor sich hertreiben.
»Das ist nicht real. Das kann nicht sein.«
Sie hatte es sich immer wieder eingeredet. Es änderte nichts.
Die Schritte hinter ihr waren da. Nicht laut. Aber nah. Der
Schatten bewegte sich lautlos durch die Dunkelheit, ohne Form,
ohne Gesicht, und doch war er da. Die Angst kroch tiefer,
setzte sich fest.
»Wer ist da?«
Ihre Stimme riss, hallte zurück, verzerrt. Emilia drehte sich
um, suchte die Dunkelheit ab, doch da war nichts. Nur Nebel.
Nur Dunkelheit. Mehr nicht.
Sie stolperte, fing sich mit den Händen ab und spürte sofort
die Kälte des Bodens, die durch ihre Handflächen schnitt. Ein
leises Wimmern entkam ihr, mehr aus Verzweiflung als aus
Schmerz. Sie wollte aufstehen, weiterlaufen, doch ihre Beine
gehorchten ihr nicht.
»Das ist ein Albtraum.«
Ihre Finger krallten sich in den Stoff ihrer Tasche, als könnte
sie sich daran festhalten. Ein Telefon, das stumm blieb. Ein
Schlüssel, der nirgendwo passte. Kein Ausgang.
Ein Geräusch. Leise. Metallisch. Als würde eine Klinge über
Stein gleiten. Emilias Herz setzte für einen Schlag aus, bevor
es raste. Sie fuhr herum. Diesmal wusste sie es. Da war
jemand.
»Bitte… bitte! Ich habe nichts getan!«
Ihre Stimme war ein heiseres Flehen, das an der Dunkelheit
zerbrach. Keine Antwort. Keine Bewegung. Nur die Stille, die
sich schwer auf alles legte.
Dann regte sich etwas im Nebel. Eine Gestalt trat hervor.
Langsam. Sicher. Ohne Eile. Die Kapuze verbarg das Gesicht,
doch die Haltung ließ keinen Zweifel. Ruhig. Berechnend.
Unaufhaltsam.
Emilia wich zurück. Ein Schritt. Noch einer. Dann die Wand.
Kaltes Mauerwerk drückte sich gegen ihren Rücken.
»Bleib weg!«
Die Worte blieben wirkungslos. Ihre Stimme zitterte, verlor
sich im Raum zwischen ihnen. Die Gestalt kam näher.
»Es ist nicht persönlich«, sagte eine ruhige, beinahe sanfte
Stimme. »Aber die Dunkelheit verlangt es.«
Emilia presste die Hände gegen die Wand, suchte Halt, fand
keinen. Ihr Körper gehorchte ihr kaum noch. Die Kälte, die von
dieser Person ausging, lag wie ein unsichtbarer Griff um ihre
Kehle.
Isabel ließ sich Zeit. Ihr Blick ruhte auf Emilia. Die Angst in
ihren Augen war vertraut. Klar. Echt. Diesen Moment suchte sie.
Nicht die Jagd. Nicht den Weg. Nur die Erkenntnis.
Isabel zog das Messer. Die Klinge fing für einen Augenblick das
schwache Licht. Sie trat näher.
Emilia konnte sich nicht mehr bewegen. Ihr Blick suchte
verzweifelt nach einem Ausweg. Es gab keinen. Stattdessen kamen
Bilder. Ihre Wohnung. Das blaue Sofa. Ein Lachen.
»Sweetheart.«
Die Erinnerung traf sie unerwartet hart. Emilia biss sich auf
die Lippe, bis sie Blut schmeckte. Sie wollte nicht weinen.
Nicht jetzt.
»Ich will zurück.«
Der Gedanke war leise. Zerbrechlich. Und sinnlos.
Das Messer hob sich. Isabel war jetzt ganz nah. Ihre Hand griff
nach Emilias Schulter. Fest. Unnachgiebig. Emilia schrie auf,
doch der Nebel verschlang den Laut. Ihre Hände schlugen ins
Leere, ihre Füße scharrten über den Stein, fanden nichts.
Isabels Griff blieb. Unverändert. Kalt.
Emilias Atem brach. Ihre Sicht verschwamm. Die Dunkelheit
schloss sich enger um sie, drückte sich in ihre Gedanken, in
ihren Körper, in alles, was noch von ihr übrig war.
»Wieso …« Ein letzter Gedanke formte sich. »Warum ich?«
Keine Antwort. Nur die Gewissheit.
Es ist vorbei.